Rudelshootings - Go or No Go?

Veröffentlicht am 16. März 2025 um 13:49

Wer kennt es nicht: Du bist auf einem Fotowalk oder Fotomeet-up unterwegs und irgendwo findest du ein Model, um das sich die Fotografen scheren, wie ein wildgewordenes Wolfsrudel. Ganz besondern oft kommt dieses Phänomen "Rudelshooting" auf Workshops vor. Der Moment, an dem das Model wie ein saftiges Stück Fleisch auf dem Teller liegt, während sich alle darum streiten, um ein Stück abzubekommen.

Ich denke, dieser erste Abschnitt trifft ganz gut, was ich von diesem "Phänomen" halte - nämlich nichts.

In diesem Beitrag möchte ich versuchen, euch zu erklären, weshalb es für ein Model unfassbar anstrengend ist, Rudelshootings zu erleiden und weshalb ich persönlich strikt dagegen bin:


Der nächste Workshop steht an. Okay, Checkliste, was muss ich vorbereiten? Im ersten Schritt warte ich auf die Kontaktdaten des Dozenten, damit wir uns über Ablauf und Inhalt abstimmen können. Nachdem die Eckdaten also stehen, kann ich schauen, ob ich ggfs. noch etwas für den Workshop besorgen muss. Ein spezielles Outfit, Accessoires, Termin für Stylist etc. Nebenbei unterstütze ich natürlich meinen Auftraggeber fleißig dabei, Werbung für unseren Workshop zu machen. Wir wollen ja schließlich, dass dieser auch stattfindet. Also mache ich mir Gedanken zu passenden Texten und Stories und haue regelmäßig entsprechend vorbereitete Beiträge auf Facebook und Instagram. Natürlich aktualisiere ich auch meine Webseite um den entsprechenden Termin.

Der Workshop rückt näher, mir fallen vielleicht noch ein paar Fragen ein, also bleibe ich in Kontakt mit meinem Dozenten und stimme mich ggfs. weiter ab. Ein Tag vor dem Workshop richte ich also all meine Sachen, Outfits, etc. gehe meine Checkliste nochmal durch und bereite mich mental darauf vor, ruhig und professionell zu sein. Einen wirklichen Ablaufplan gibt es meist nicht, da das Geschehen vor Ort sehr individuell und spontan ist, je nachdem, wer mir gegenübersteht.

Am Tag des Workshops also stehe ich zeitig auf, mache mich frisch, style mich oder lasse mich stylen. Ich frühstücke gut, prüfe, ob ich alles dabei habe und mache mich dann auf den Weg zum Workshop. Auf der Fahrt überlege ich mir, welche netten Menschen mich wohl heute erwarten. Gedanklich bereite ich mich wieder auf die unterschiedlichen Wissenstände der Fotografen vor und erinnere mich daran, dass nicht alle die Erfahrung haben, die ich mittlerweile besitze.

Angekommen geht es auch schon los. Outfit ggfs. anziehen, nochmal einen Blick in den Spiegel werfen und Licht an - Bühne frei.

Meine Intention als Model ist es, für jeden Teilnehmer des Workshops da zu sein.
Ich möchte wissen, wer steht mir gegenüber, welche Erfahrungen hast du und wie arbeitest du. Damit ich mich ganz an dich anpassen kann. Es ist meine Aufgabe als Model, dafür zu sorgen, dass du dich ganz auf das Fotografieren konzentrieren kannst. Das Gelernte umzusetzen, deine Kamera, das Licht etc. richtig einzustellen. Also nehme ich mir die Zeit für dich. Ich versuche ganz speziell auf deinen Wissensstand einzugehen und mich an dich anzupassen. Kann ich mich frei bewegen und du bist "Dauerauslöser" - kein Problem. Bist du Anfänger und brauchst immer einen Moment länger? Auch darauf stelle ich mich gerne ein und passe mich dir an. Denn es ist mir wichtig, dass DU gute Bilder aus dem Shooting mitnimmst.

Und genau DAS ist die Schwierigkeit. Stehen nun also 5 Fotografen vor mir und knipsen alle wie wild drauf los, weiß ich als Model NICHT, wo ich hinschauen soll. Wer macht die Ansagen, mit wem kommuniziere ich? Bei Blitzworkshops ganz schlimm: Ich schaue nach links, zack löst ein Blitz aus - Ein Fotograf hat ein gutes Bild, vier andere ein schlechtes. Es kommt sich jeder in die Quere, viele Fotografieren dieselbe Pose des Models aus einer anderen Perspektive. Du drückst also grad den Auslöser, versaut dir ein anderer mit seinem Blitz den Moment. Und ich? Ich bin völlig orientierungslos und im Stress, jeden Fotografen mit meinem Blick, meinem Ausdruck, meinem Posing und der entsprechenden Kommunikation zu bedienen.

Das Ende der Geschichte: Die Fotografen behindern sich selbst, nur um Nichts zu verpassen. Und nehmen stattdessen lieber 100 schlechte und untaugliche Bilder mit, hauptsache sie können sagen "Ja ich hab 1.000 Bilder auf dem Workshop gemacht". Anstelle sich 5 Minuten zu nehmen und dafür dann 5 oder 10 richtig gute Bilder zu erhalten. Und ich als Model? Ich versuche einfach zu überstehen, wie die Lawine von schnappschusswütigen Lernpaparazzi auf mich einprasselt.

So. ihr merkt, ich habe das ganze nun teilweise sehr extrem formuliert. Aber ich denke, da geben mir viele Models recht. Und das hat nichts damit zu tun, dass ich meine Arbeit nicht kann oder machen will. Rudelshootings sind eine mentale Reizüberflutung und machen unzufrieden. Punkt.

Gerade, wenn ich weiß, was ich als Model liefern kann und auch liefern möchte, ist es umso enttäuschender, wenn ich die Möglichkeit genommen bekomme, weil ich bis auf den letzten Tropfen ausgenommen werde und nur noch wie ein Museumsstück dastehe und maschinell funktioniere.

Daher lehne ich grundsätzlich Rudelshootings ab und kommuniziere dies auch entsprechend. Ich stimme mich immer mit einem Fotografen ab und auf diesen konzentriere ich mich dann voll und ganz. Wenn dann noch ein zweiter nebenher fotografiert, ist mir das dann egal. Denn dieser ist gerade nicht an der Reihe. Kommen dann plötzlich wieder alle, dann breche ich persönlich den Moment auch mal ab und weise die Gegenüber höflich auf entsprechende Vorgehensweise hin.

Erst gestern hatte ich wieder diesen schönen Vergleich auf meinem UV-Workshop in der Foto-Weber-Akademie in Würzburg
(übrigens ein RICHTIG guter Workshop!):
Jeder Teilnehmer hat nach der Einführung etc. 5 Minuten Zeit bekommen, in denen er oder sie sich ganz alleine mit mir als Model fotografisch austoben durfte. So konnte ich mich auf dich konzentrieren und du konntest ganz in Ruhe dein Licht einstellen, deine Ideen umsetzen und für dich gute Bilder machen.  (An dieser Stelle DANKE an brettysfotowelt für deine sehr vernünftige Vorgehensweise!)

Zum Schluss gab es dann nochmal 5 Minuten freies Fotografieren, als sich der Dozent entsprechend vorbereitete. Ich sag´s euch, wie eine ausgehungerte Herde. Von überall, nah und fern, links und rechts.. schnell noch die letzten Bilder ergattern :D

Auf Meetups habe ich das auch schon ähnlich erlebt. Die Fotografen reißen sich um ein oder zwei Modelle und 5 andere Modelle, die richtig Bock haben sitzen da und langweilen sich - No Go!


Liebe Fotografen, falls ihr meinen Block gelesen habt, appelliere ich an euch: Geht mit gutem Beispiel voran und behindert euch nicht selbst, in dem ihr euch und anderen Gleichgesinnten die Gelegenheit auf gute Bilder versaut. Bitte hört auf, euch wie ausgehungerte Tiere zu benehmen. Wir Models sind gerne da und nehmen uns gerne Zeit für die Fotosession mit euch. Aber ihr müsst euch bitte ein wenig gedulden und ein wenig Verständnis für uns haben. Wir Modelle haben da vorne auch nen ganzen Stall voll zu tun. Und das ist nicht "einfach nur rumstehen und gut aussehen". Ich will euch mal sehen, wie ihr, drei Stunden lang darauf achtet, die entsprechende Körperhaltung und -spannung zu bewahren und entsprechend zu agieren. Das ist schon Arbeit genug.

                                                                                                   Rudelshootings? Für mich ein klares NO GO!

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Kommentare

Dirk Becker
Vor 18 Tage

Liebe Janine,
Ich kann das absolut nachvollziehen. Viele wissen wahrscheinlich gar nicht, wie viel Arbeit auch für dich dahintersteckt. Ich bin Anfänger in Sachen Portraits und ein Rudelshooting würde auch mich völlig überfordern. Übrigens ein Grund, warum ich noch keinen Workshop mitgemacht habe. Ich habe Sorge, dass ich für Unruhe bei anderen Fotografen sorgen würde, wenn ich länger brauche. Ich überlege, stattdessen mal selbst eine Location zu mieten und in Ruhe mit einem erfahrenen Model zu arbeiten - dann natürlich auf Pay-Basis, weil ich dem Model nichts versprechen kann. Das wäre es mir wert. Ich freue mich, dass du Anfängern auch eine Chance gibst und Verständnis aufbringen. Und ich wünsche dir, dass dir Rudel erspart bleiben.
Liebe Grüße, Dirk

Claus Wagner
Vor 17 Tage

Liebe Janine, vielen Dank. Diese Darstellung, und sie ist wirklich gut beschrieben, spiegelt meine Erfahrung der vergangenen 15 Jahre wider. Oft ist sogar meist steht das gute Bild in Hintergrund und das sind nicht der Fall sein.

Gruß und ein super Beitrag, vielen Dank
Claus

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